Kreidestift im Algorithmus

Ethische Implikationen von KI für den Schulunterricht

Beitrag der Woche

Können technologische Innovationen die politischen Probleme rund um Lehrendenmangel an Schulen lösen oder wird unser Bildungssystem dadurch noch ungerechter? Eine Auseinandersetzung mit den Chancen und möglichen Folgen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz in der schulischen Bildung. Ein exklusiver Beitrag der studierten Kulturwissenschaftlerin und Kulturmanagerin Nina Heinrich

Johanna B. verbrachte ihr Referendariat an einer sogenannten Brennpunktschule. „Mit Unterricht hat das nicht viel zu tun“, betonte sie damals immer. In ihrem Studium wurde sie in den Fächern Deutsch und Französisch auf Grundschullehramt ausgebildet - eine Konstellation, die ihren Wunsch, eher in einem teilprivatisierten, „gepflegten“ Bereich der frühen Bildung aktiv zu sein, deutlich machte. Denn nicht an allen Berliner Grundschulen wird Französisch gelehrt. Doch mit ausgebildeten Lehrenden in Berlin ist es wie mit warmen Semmeln. Johanna fand sich also in den bürokratischen Untiefen akuten Personalmangels im Schulsektor und in Kreuzberg wieder, wohin sie es zumindest nicht weit hatte von ihrer Schöneberger Einzimmerwohnung aus. Dort unterrichtete sie Mathematik in der Sekundarstufe, und es gab keine Welt, in der es eine Rolle spielte, ob sie dazu ausgebildet war oder nicht und noch weniger, ob es ihrem Berufswunsch entsprach. Ihr war bewusst, dass sie eine Leerstelle füllte, dass es hier nur um ihre pädagogischen und nicht um ihre fachlichen Fähigkeiten ging. Sie hatte von Natur aus leichte Schatten unter ihren Augen, auch, wenn sie ausgeschlafen war. Doch diese Ringe vertieften sich in jener Zeit, wurden dunkler, leichte Schwellungen sichtbar, die Haut drumherum fahl. Sie sagte manchmal, sie fühle sich wie ein Roboter, wenn sie Klassenarbeiten korrigierte, da sie nach all den lautstarken Auseinandersetzungen mit und zwischen den Schülerinnen und Schülern, unzähligen Elterngesprächen und Tränentrocknen von überforderten Nachwuchskolleginnen nichts mehr zu geben hatte. Außerdem gab es in der Mathematik doch ohnehin nur eine Lösung. Selbst den Denkfehler in der Formelherleitung könnte eine Maschine ebenso gut ausfindig machen.

Einsatzmöglichkeiten von KI

Konzepte für Lernsoftware, die Wissenslücken erkennt, speichert, und darauf das weitere Lehrprogramm ausrichten kann, für digitale Tutoren in Gruppenarbeiten, die bei der Online-Recherche unterstützen und Unterrichtsmaterial bereitstellen, sowie für das automatisierte Korrigieren von Prüfungen, gibt es inzwischen viele. Wo die Politik mit ihren Antworten nicht weiterkommt, bereiten sich Technologieunternehmen auf ihren Einsatz vor. Es erscheint naheliegend, dass dort, wo Kompetenzen und Ressourcen den komplexen Anforderungen einer digitalen Welt nicht ausreichend gerecht werden können – in der Schulverwaltung, in der Lehrendenausbildung – die Wirtschaftspower etwas nachhelfen muss, und die öffentliche Hand im Gegenzug ein paar Taler springen lässt. Man stelle sich vor, wie die Klasse von Johanna B. mit dreißig Tablets ausgestattet wird, auf denen sich jeweils eine Software befindet. Sie kann mit wenigen Klicks das Lernfeld, -Level und -Geschwindigkeit einstellen und schon ist der Unterricht inhaltlich vorbereitet. Nun kann Johanna B. punktuell mit einzelnen Lernenden, die stärkere Probleme bei der Bearbeitung der Aufgaben haben, in den Austausch gehen und sie unterstützen. Sie könnte sich verstärkt den sozialen Komponenten des Unterrichts widmen: Zum Beispiel dem Umgang mit Konzentrationsschwächen und Selbstzweifeln. Es müsste nicht mehr so viele Elterngespräche geben, die Johanna B.s Arbeitszeiten zusätzlich belasten, da sich viele der Probleme direkt gemeinsam im Klassenzimmer lösen lassen. Vielleicht würden Johanna B.s Augenringe schon bald wieder auf ihre ursprüngliche Schattierung zurück schrumpfen. Vielleicht würde die gesteigerte Attraktivität des Lehrendenberufs sogar dafür sorgen, dass es bald ausreichend Mathematikpersonal gäbe, und sie endlich ihrer eigentlichen Leidenschaft - Deutsch und Französisch - nachgehen könnte. Wäre das nicht toll?

Ethische Hürden

Die Vorteile des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich liegen damit auf der Hand. Allerdings funktionieren digitale Technologien anders als mechanische Technologien – wie bei einem Staubsauger oder Auto – die eine Aufgabe haben und diese bestmöglich (starke Saugkraft, hohe Fahrleistung) erfüllen sollen. Die Algorithmen in digitalen Technologien rund um Künstliche Intelligenz sind ein fragiles Gerüst aus der Programmierleistung bestimmter Menschen und maschinellen Lernens. In einem Q&A der Digital Future Society sprach die Gründerin der Ethical Tech Society Lorena Jaume-Palasì darüber, wie die Schaffung einer technologischen Infrastruktur mit KI nicht das Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme sein kann. Sie spricht davon, dass die Maschine lediglich mit Wahrscheinlichkeiten arbeite, eine gut begründete Entscheidung also nach wie vor nur von Menschen getroffen werden könne. Wenn die Beurteilung von Wissensstand, Konzentrationsvermögen, Talenten und so weiter bei jungen Menschen von Algorithmen erfolgt, die nach schlichter Mustererkennung arbeiten, nicht abschätzen, nicht relativieren oder kontextualisieren, findet eine „Schubladisierung“ von Menschen in noch früheren Jahren als ohnehin schon statt - und das auch noch in Form von gespeicherten Daten.

Gehen wir von der sehr realen Situation der jungen Lehrerin Johanna B. weiter zu der möglichen Zukunftsvision der Schülerin Maya F.. Ihre Schule wurde gerade von Grund auf ausgestattet: Roboter, die als Lernbegleitung durch die Klassenzimmer rollen, Smartboards, die durch die Eingabe weniger Stichpunkte Präsentationen für den Frontalunterricht selbst vorbereiten, individuell auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler zugeschnittene Übungsaufgaben, die durch Cloud-Technologie ihren Weg direkt auf die Smartphones der Lernenden finden. Nicht das pädagogische Lehrpersonal ist in dieser Welt ein rares Gut, sondern Menschen mit Wissenschaftsexpertise sowohl über die Inhalte der einzelnen Fächer, mit denen die Maschine gefüttert wird, als natürlich auch über die Technologien. Denn, wie Jaume-Palasì erklärt: „Um den Status Quo zu bewahren, braucht man eine Armee an Expertise. Siri braucht Tausende und Abertausende von Menschen, die Linguistik oder Sprachwissenschaften studiert haben und Siri täglich einfach nur korrigieren.“ In Maya F.s Familie hängt derweil der Haussegen schief. Die durch Kriege und Pandemien entstandene Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass ihre Eltern häufig gestresst sind und wenig Zeit für sie haben. Außerdem schläft sie schlecht, da sie sich mit ihrem dreijährigen Bruder, der nachts oft aufwacht, ein Zimmer teilt. Die Lernsoftware erkennt ihre den Umständen geschuldete Unaufmerksamkeit, Langsamkeit bei der Beantwortung der Fragen und Flüchtigkeitsfehler als grundsätzliche Lernschwäche und stuft sie im Level und im Vergleich zu den anderen in der Klasse herab. Das System rechnet aus, dass ihr eine Gymnasialempfehlung verwehrt bleiben wird. Sie wird nicht studieren können und somit ihre wissenschaftliche Perspektive als Bevölkerungsmitglied, das in einer der unteren Schicht aufwuchs, nie für die Fütterung der Algorithmen, anhand derer wiederum die späteren Generationen geschult und getestet werden, mit einbringen können. KI könnte somit unter bestimmten Bedingungen die Reproduktion bestehender Machtverhältnisse direkt in die Schulen bringen.

Aufklärung über KI im Unterricht

Sind digitale Technologien als doch keine geeigneten Instrumente zur Bewältigung des Lehrendenmangels, um sowohl Menschen wie Johanna B. als auch Maya F. gleichermaßen gerecht werden zu können? Grundsätzlich vielleicht, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Im Paper „Der Einfluss Künstlicher Intelligenz auf Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ weist die Initiative „D64 - Zentrum für Digitalen Fortschritt“ darauf hin, dass an Schulen bislang vor allem das technische Verständnis darüber fehle, was beim Einsatz von KI konkret passiert – obwohl dies für einen ethisch angemessenen Umgang damit unumgänglich ist. „Es ist Aufgabe der Schule, ein allgemeines technisches Verständnis zu entwickeln. Dazu gehören (zukünftige) Lebensrealitäten, automatisierte Vorgänge, die Grundlagen vernetzter Kommunikation, Datenkunde und auch ethische Grundsätze in der digitalen Welt. Medienkompetenz muss vermehrt vermittelt werden, wobei diese auch verstärkt in allen anderen Schulfächern zum Alltag gehören sollte.“ Das beginnt schon in der Lehrendenausbildung. Wenn es um die Optimierung von Prozessen geht, müssen die kollektiven gesellschaftlichen Folgen genauestens beachtet werden – und dazu gehört, dass nicht nur einige wenige Menschen mit IT-Expertise wissen, was hinter Künstlicher Intelligenz wirklich steckt, sondern es systematisch verankert wird, das Wissen der gesamten Gesellschaft zugänglich zu machen.

Johanna B. arbeitet inzwischen an einer Grundschule, wo sie die Fächer Deutsch und Französisch unterrichten kann. Sie lässt sich von einer KI Texte zum Lesen für ihre Klasse auswerfen, die sprachlich an das Lernniveau angepasst sind. Und sie empfiehlt ihren Schülerinnen und Schülern eine datenschutzgeprüfte OER-Software, die sie beim Vokabellernen unterstützt. Doch die Gespräche im Unterricht und die Leistungsbewertung – das übernimmt sie lieber selbst.

Die Autorin

Nina Heinrich studierte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Hildesheim, Lüneburg und Vilnius. Sie leitete als Referentin für Medienprojekte bei der Jugendpresse Deutschland das Workshop- und Redaktionsformat politikorange und betreute Nachwuchsveranstaltungen im Medienbereich für Jugendliche. Beim Netzwerk für digitale Kulturproduktion KOOPERATIVE BERLIN leitet sie seit September 2020 die Redaktion der werkstatt.bpb.de, die 2022 das Schwerpunktthema „Künstliche Intelligenz“ in der historisch-politischen Bildung“ verfolgt. Sie ist außerdem Redaktionsmitglied bei Ostjournal.de.

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Die KI-Studie: eine Bestandsaufnahme zwischen Möglichkeiten, Maßnahmen und Misstrauen

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